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Wahlkampf im Irak: Noch ist nichts normal

Heute ist Parlamentswahl - Ergebnis entscheidend für Abzug der US-Truppen
Jahrelang war der Irak der Krisenherd der Welt, kaum ein Tag verging ohne Anschläge mit vielen Toten. Mittlerweile kommen weniger Meldungen aus dem Zweistromland. Heute wird dort ein neues Parlament gewählt. Geht es mit dem Land aufwärts?
"Meine Damen und Herren, willkommen zur Wahlsendung", sagt der Moderator des Privatsenders Al Bagdadia. Er hat einige Mühe, die Namen der verschiedenen Wahlbündnisse richtig zusammenzubekommen. Kein Wunder, denn sie sind noch ganz neu. Gerade erst haben sich die verschiedenen Gruppen und Parteien zusammengeschlossen, haben Kandidaten nominiert und sich auf Programmpunkte verständigt.
Wahlkampf - ein neues Erlebnis
Wahlkampf, das ist für die Menschen im Irak ein neues Erlebnis. Die letzten Wahlen 2005 waren überschattet von Gewalt und wurden zudem von vielen Sunniten boykottiert. Davor war Krieg und unter der Regierung Saddam Husseins gab es zwar Wahlen, doch stand ihr Ausgang schon fest, bevor es überhaupt losging. Diesmal sind Straßen und Plätze mit den Bildern der Kandidaten gepflastert und auch in der Wahlsendung wird mit harten Bandagen gekämpft. "Wie können Sie hier auftreten und einen Neuanfang versprechen? Wo Sie doch seit vier Jahren an der Regierung sind?" attackiert der Vertreter der "Iraqia"-Koalition seinen Kontrahenten vom regierenden "Rechtsstaats-Bündnis". "Sie sind doch schuld an der Arbeitslosigkeit der Jugend und daran, dass bei vielen Irakern jeden Tag der Strom ausfällt, viele Stunden lang und unser Land immer noch ein gefährlicher Ort ist." Der Ton ist ruppig und auch dieses Jahr ist die Wahl von Gewalt überschattet. Doch es gibt Hoffnung, dass die Politik die Oberhand gewinnt.
Noch immer gibt es Anschläge
Auch sonst geht es im Irak - langsam, aber immerhin - bergauf. Der Lebensstandard hat sich in den vergangenen drei Jahren ein bisschen verbessert, so das Ergebnis einer britischen Studie. Auch ist es sicherer geworden: "Es ist unbestreitbar, dass die Gewalt seit den schlimmen Jahren 2006/2007 zurückgegangen ist. Allerdings hat es auch im vergangenen Jahr schwere Anschläge gegeben und immer noch passiert im Irak Tag für Tag mehr als beispielsweise in Pakistan, worüber aber sehr viel mehr berichtet wird", sagt Ad Melker, der UN-Sonderbeauftragte für den Irak. In den vergangenen Wochen hat es mehrere blutige Anschläge im Irak gegeben, die vermutlich zum Teil auf das Konto der El-Kaida gehen. Zumindest war im Vorfeld eine Audiobotschaft aufgetaucht, in der Terrorchef Abu Omar Al Bagdadi ankündigte, die Wahlen mit allen Mitteln verhindern zu wollen. Ein friedliches Land sieht anders aus; ein unabhängiges auch.
Die Interessen von USA und Iran
Sowohl USA als auch Iran mischen im Irak kräftig mit. Die USA haben ein Interesse daran, mit den Wahlen zu zeigen, dass es gelungen ist, zumindest ein bisschen Demokratie in den Irak zu bringen. Schließlich waren sie 2003 unter dem Slogan "Irakische Freiheit" in das Land einmarschiert. Im September nun soll die Irak-Mission in "New Dawn - Neuer Sonnenaufgang" umbenannt werden. Bis dahin will Washington seine derzeit rund 90.000 Truppen auf 50.000 reduzieren. Je stabiler die Lage, desto erhobeneren Hauptes kann die US-Armee abziehen. "Ein stabiler Irak mit einer schwachen (sprich: beeinflussbaren) Regierung würde den US-Interessen am besten dienen", sagt Saad Jawad, Politikprofessor aus Bagdad. Iran hingegen wolle eine starke, Teheran-loyale Regierung. Iran unterstützt im Wahlkampf alle schiitischen Parteien. Das Ziel ist klar: Egal, welche Partei die Regierung stellt, sie soll Teheran treu sei: besonders, wenn es zu einem Krieg mit den USA kommen sollte. Wenn heute Abend die Wahllokale schließen, beginnt das große Zählen. Und bestimmt wird noch ein-, zweimal nachgezählt: Mit einem Endergebnis kann also frühestens in ein paar Tagen gerechnet werden. Die Regierung wird - soviel ist schon jetzt klar - eher schiitisch geprägt sein. Fraglich ist allerdings, ob eher die religiös-geprägten Bündnisse oder säkulare Kräfte das Rennen machen. So oder so wird der Wahlsieger Koalitionspartner brauchen - und die Verhandlungen können dauern. Da sich aber alle wünschen, dass die US-Soldaten abziehen, werden sie sich bemühen, sich noch vor dem Sommer zu einigen.
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